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Warum ausgerechnet zwei Prozent?

Am 1. April 1988 nannte ein neuseeländischer Minister im Fernsehen eine Zahl, die er mit niemandem abgesprochen hatte. Daraus wurde das Inflationsziel, das heute EZB, Fed und Bank of England verfolgen. Zwei Prozent halbieren die Kaufkraft in 35 Jahren. Und das ist der Fall, in dem alles nach Plan läuft.

Lesezeit 8 Min. Zuletzt geprüft 14.07.2026
10.000 € 5.000 €
Modellrechnung mit dem Zielwert selbst, nicht mit gemessener Inflation. Bei exakt 2 Prozent Preisanstieg pro Jahr steigt das Preisniveau in 35 Jahren auf das Doppelte (1,02 hoch 35 = 2,00). Aus 10.000 Euro werden 5.000 Euro Kaufkraft. So sieht es aus, wenn die EZB ihr Ziel punktgenau trifft.

Ein Interview, das niemand abgesprochen hatte

Neuseeland, 1. April 1988. Finanzminister Roger Douglas sitzt im Fernsehstudio und sagt, die Geldpolitik solle die Inflation auf „rund null oder null bis ein Prozent“ drücken. Das Land hatte in den siebziger und achtziger Jahren Teuerungsraten im zweistelligen Bereich hinter sich, der Druck war groß.

Die Reserve Bank erfuhr von der Zahl aus dem Fernsehen. Abgestimmt war sie nicht, berechnet auch nicht. Douglas wollte die Erwartungen der Leute beeinflussen, bevor die Notenbank überhaupt handelte.

In den Wochen danach machten Beamte aus der Ansage etwas Handhabbares. Aus „null bis eins“ wurde „null bis zwei“. Das Gesetz über die Reserve Bank passierte im Dezember 1989 das Parlament, ohne eine einzige Gegenstimme. Im März 1990 unterschrieben Regierung und Notenbank das erste Policy Targets Agreement: Preisstabilität bedeutet eine Inflationsrate zwischen null und zwei Prozent, zu erreichen bis Dezember 1992. Erreicht wurde sie ein Jahr früher.

Das Verfahren, eine Zahl öffentlich zu nennen und die Notenbank daran zu messen, heißt seither Inflationsziel oder inflation targeting. Neuseeland war das erste Land, das es formal eingeführt hat.

Zwei Prozent waren dabei die Obergrenze eines Bandes. Ein Punktziel wurden sie in Neuseeland erst viel später. 1996 weitete man das Band auf null bis drei Prozent, 2002 auf ein bis drei, und erst 2012 schrieb man den Mittelwert von zwei Prozent ausdrücklich hinein, um die Erwartungen der Leute an dieser Marke zu verankern.

Was zwei Prozent mit Deinem Geld machen

Stell Dir vor, Du legst heute 10.000 Euro in bar in einen Safe. Die Notenbank trifft ihr Ziel jedes einzelne Jahr punktgenau. Nicht ein Jahr zu viel, nicht ein Jahr zu wenig.

Nach 35 Jahren hat sich das Preisniveau verdoppelt. 1,02 hoch 35 ergibt 2,00. Deine 10.000 Euro kaufen dann noch das, was heute 5.000 Euro kaufen. Nach weiteren 35 Jahren sind es 2.500 Euro.

Bei zwei Prozent Inflation halbiert sich die Kaufkraft Deines Geldes in gut 35 Jahren. Das ist der Fall, in dem alles funktioniert.

Über zehn Jahre wirkt die Zahl harmlos: Die Preise steigen um knapp 22 Prozent, aus 100 Euro Kaufkraft werden 82 Euro. Über ein Arbeitsleben wirkt sie anders. Zinseszins kennt jeder als Freund. Er arbeitet in beide Richtungen.

Wie die Zwei nach Frankfurt kam

Die neuseeländische Konstruktion machte Schule. In den neunziger Jahren übernahmen weitere Notenbanken das Verfahren, und die Zahl reiste mit.

Die EZB definierte 1998 Preisstabilität als einen Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindex von unter zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das war eine Obergrenze. Ein Wert, den man anstrebt, war es noch nicht. Im Mai 2003 stellte der EZB-Rat klar, er strebe innerhalb dieser Definition eine Rate „unter, aber nahe zwei Prozent“ an. Damit hatte die Notenbank ein Ziel, das nach oben scharf und nach unten unscharf war.

Am 8. Juli 2021 machte der EZB-Rat daraus ein symmetrisches Ziel: mittelfristig zwei Prozent, wobei Abweichungen nach unten als ebenso unerwünscht gelten wie Abweichungen nach oben. Bei der Strategieüberprüfung vom 30. Juni 2025 wurde diese Formulierung ausdrücklich bestätigt. Die nächste Überprüfung ist für 2030 vorgesehen.

In den Vereinigten Staaten lief es ähnlich, nur langsamer. In der Sitzung des Offenmarktausschusses vom Juli 1996 gab es unter den Mitgliedern bereits eine Mehrheit für zwei Prozent. Veröffentlicht wurde damals nichts. Offiziell bekannt gab die Fed ihr Ziel erst im Januar 2012, sechzehn Jahre später.

Warum nicht null?

Hier lohnt es sich, der Gegenseite zuzuhören, weil ihre Argumente besser sind, als es auf den ersten Blick wirkt.

Der wichtigste Punkt ist der Zins. Der Nominalzins ist ungefähr die Summe aus dem Realzins und der erwarteten Inflation. Wenn alle mit null Prozent Inflation rechnen, liegt der Nominalzins im Normalfall schon nahe null. Kommt dann eine Rezession, hat die Notenbank nichts mehr zu senken. Sie steht an der Zinsuntergrenze und muss zu Anleihekäufen und ähnlichen Instrumenten greifen, deren Wirkung umstritten ist. Zwei Prozent Inflation heben den ganzen Zinspfad an und schaffen Senkungsmasse. Die Bundesbank hat diese Abwägung 2021 ausführlich beschrieben.

Das zweite Argument betrifft Löhne. Ein Unternehmen, das den Reallohn einer Abteilung um zwei Prozent senken will, braucht bei zwei Prozent Inflation nur eine Nullrunde. Bei null Prozent Inflation müsste es den Lohn nominal kürzen. Das passiert selten, weil Beschäftigte es nicht hinnehmen. Also wird stattdessen entlassen.

Drittens die relativen Preise. Wenn Energie deutlich teurer wird und die Notenbank auf null zielt, müssen andere Preise fallen, damit der Durchschnitt bei null landet. Genau darauf hat EZB-Chefökonom Philip Lane 2025 hingewiesen. Fallende Preise sind in einzelnen Branchen schwer durchzusetzen, und der Anpassungsdruck landet dann in der Beschäftigung.

Viertens die Messung. Der Warenkorb bildet Qualitätsverbesserungen und Substitution nur unvollkommen ab. Gemessene Inflation überzeichnet den tatsächlichen Kaufkraftverlust tendenziell etwas. Gemessene zwei Prozent sind also weniger als zwei Prozent gefühlte Entwertung. Wie viel weniger, ist strittig.

Und dann ist da die Deflation. Fallende Preise machen bestehende Schulden real schwerer und laden dazu ein, Käufe aufzuschieben. Beides kann sich gegenseitig verstärken. Wer den Kaufkraftverlust durch zwei Prozent kritisiert, muss sagen, wie er dieses Risiko bepreist.

Was trotzdem eine Setzung bleibt

Keines dieser Argumente liefert die Zwei.

Sie liefern „positiv und klein“. Ein Prozent würde die meisten dieser Anforderungen ebenfalls erfüllen, drei Prozent auch. Der Puffer wäre bei drei Prozent größer, die Entwertung schneller. Bei einem Prozent umgekehrt. Wo genau die Grenze liegt, sagt keine dieser Überlegungen. Die Zahl stand fest, bevor die Begründungen ausformuliert waren, und sie hat sich gehalten, weil alle sie benutzen.

Dazu kommt ein juristischer Punkt, der selten erwähnt wird. Der EU-Vertrag verpflichtet die EZB auf Preisstabilität. Eine Zahl nennt er nicht. Was Preisstabilität konkret heißt, legt der EZB-Rat selbst fest, und er hat es 1998, 2003, 2021 und 2025 getan. Kein Parlament stimmt darüber ab.

Und die Zwei beschreibt eine jährliche Rate. Über das erreichte Preisniveau sagt sie nichts. Wenn die Preise in einem Jahr um acht Prozent steigen, bleibt das höhere Niveau. Die EZB versucht dann, den nächsten Anstieg wieder auf zwei Prozent zu bringen. Zurückgeholt wird nichts.

Was daraus nicht folgt

Es liegt nahe, den Kaufkraftverlust der Jahre 2021 bis 2023 dem Zwei-Prozent-Ziel anzulasten. Das wäre falsch.

Die Inflation lag damals weit über dem Ziel. Die EZB hat es verfehlt. Und in den Jahren davor, etwa von 2013 bis 2019, lag sie hartnäckig darunter. Die Strategieüberprüfung von 2021 war denn auch eine Antwort auf die zu niedrige Inflation jener Jahre. Das steht so in den Unterlagen der EZB und der Bundesbank.

Wer die Zwei kritisieren will, muss sie also im Erfolgsfall kritisieren. Der Ausnahmefall taugt dafür nicht. Und im Erfolgsfall bleibt genug übrig: Selbst wenn die Notenbank alles richtig macht, verliert Dein Erspartes in einem Arbeitsleben die Hälfte seiner Kaufkraft. Das ist beschlossen, nicht passiert.

Was daraus für Dich folgt, ist eine andere Frage. Sie hat mit Zinsen zu tun, mit Sachwerten und damit, wie viel Risiko Du tragen willst. Aber sie beginnt hier, bei einer Zahl, die aus einem Fernsehstudio in Wellington stammt.

Was dagegen spricht

Ein Ziel von null Prozent wäre gefährlicher als zwei. Der Nominalzins ist ungefähr die Summe aus Realzins und erwarteter Inflation. Wer null anstrebt, hält den Nominalzins dauerhaft nahe der Untergrenze und hat in der nächsten Rezession nichts mehr zu senken. Dazu kommt, dass Nominallöhne nach unten kaum beweglich sind: Bei zwei Prozent Inflation genügt eine Nullrunde, um einen Reallohn zu senken, bei null Prozent müssten Firmen den Lohn kürzen oder entlassen. Und wenn Energie teurer wird, müssten bei einem Nullziel andere Preise tatsächlich fallen, damit der Durchschnitt stimmt. Fallende Preise sind in der Praxis schwer durchzusetzen. Der Puffer, den Sparer als schleichenden Verlust erleben, ist aus Sicht der Notenbank die Versicherung gegen eine Deflationsspirale.

Wer hat die zwei Prozent erfunden?

Niemand hat sie im engeren Sinn erfunden. Der neuseeländische Finanzminister Roger Douglas nannte am 1. April 1988 in einem Fernsehinterview eine Zielspanne von rund null bis ein Prozent. Beamte formten daraus in den Wochen danach ein Band von null bis zwei Prozent, das 1990 im ersten Policy Targets Agreement festgeschrieben wurde. Die Zwei war zunächst die Obergrenze dieses Bandes. Als Punktwert steht sie in Neuseeland erst seit 2012.

Steht das Zwei-Prozent-Ziel im EU-Vertrag?

Nein. Der Vertrag verpflichtet die EZB auf Preisstabilität, ohne eine Zahl zu nennen. Was Preisstabilität konkret bedeutet, legt der EZB-Rat selbst fest. Er hat das 1998, 2003, 2021 und zuletzt 2025 getan. Die Zahl ist damit jederzeit änderbar, ohne dass ein Parlament zustimmen müsste.

Holt die EZB verlorene Kaufkraft zurück, wenn sie das Ziel überschreitet?

Nein. Die EZB steuert eine Rate, kein Preisniveau. Wenn die Preise in einem Jahr um acht Prozent steigen, bleibt dieses höhere Niveau bestehen. Angestrebt wird lediglich, dass der Anstieg danach wieder bei zwei Prozent liegt. Ein Ausgleich nach unten ist nicht vorgesehen.

Wäre ein Ziel von null Prozent besser?

Das ist in der Ökonomie umstritten. Für null spricht, dass Geld dann seinen Wert behält. Dagegen sprechen der fehlende Zinsspielraum in einer Rezession, nach unten starre Löhne und die Schwierigkeit, dass bei einem Nullziel manche Preise tatsächlich fallen müssten, wenn andere steigen. Die Notenbanken haben sich bisher einstimmig für den Puffer entschieden.

Quellen

  1. Reserve Bank of New Zealand: Inflation targeting: 10 years on (Rede von Donald T. Brash). Abgerufen 14.07.2026
  2. Reserve Bank of New Zealand: History of the Remit and Policy Targets Agreement. Abgerufen 14.07.2026
  3. Europäische Zentralbank: EZB-Rat verabschiedet neue geldpolitische Strategie (Pressemitteilung vom 8. Juli 2021). Abgerufen 14.07.2026
  4. Europäische Zentralbank: An overview of the ECB's monetary policy strategy (Strategieüberprüfung 2025). Abgerufen 14.07.2026
  5. Europäische Zentralbank: ECB's Governing Council updates its monetary policy strategy (Pressemitteilung vom 30. Juni 2025). Abgerufen 14.07.2026
  6. Deutsche Bundesbank: Die geldpolitische Strategie des Eurosystems (Monatsbericht September 2021). Abgerufen 14.07.2026
  7. Federal Reserve Bank of Atlanta: The Fed and Inflation: Origins of the 2 Percent Target Rate. Abgerufen 14.07.2026