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Was von drei Prozent Zinsen übrig bleibt

Die Bank schreibt Dir Zinsen gut, die Preise steigen weiter. Erst die Differenz sagt, ob Du reicher geworden bist. Wie der Realzins funktioniert, was auf deutschen Konten gerade wirklich gezahlt wird, und warum die Inflationszahl selbst ein Konstrukt ist.

Lesezeit 8 Min. Zuletzt geprüft 14.07.2026
10.000 € 8.200 €
10.000 Euro, die 2020 auf einem unverzinsten Konto lagen, hatten Ende 2025 noch die Kaufkraft von rund 8.200 Euro. Grundlage sind die Jahresteuerungsraten des Statistischen Bundesamtes von 2021 bis 2025, hintereinandergerechnet 21,9 Prozent. Eigene Berechnung aus amtlichen Raten.

Zwei Zahlen, die nicht zusammenpassen

Anfang 2021 legst Du 10.000 Euro auf ein Konto. Ein gewöhnliches Girokonto, Zinsen gibt es keine. Fünf Jahre später schaust Du wieder hin. Da stehen immer noch 10.000 Euro. Niemand hat etwas abgebucht, es fehlt kein Cent.

Und trotzdem bekommst Du weniger dafür.

Der Wocheneinkauf, der 2020 hundert Euro gekostet hat, kostet Ende 2025 rund 122 Euro. Das ist keine Schätzung. Es folgt aus den Jahresteuerungsraten des Statistischen Bundesamtes: 3,1 Prozent im Jahr 2021, dann 6,9, dann 5,9, dann zweimal 2,2. Hintereinandergerechnet ergibt das einen Preisanstieg von 21,9 Prozent.

Deine 10.000 Euro haben Ende 2025 also ungefähr die Kaufkraft, die 8.200 Euro im Jahr 2020 hatten. Der Kontostand ist derselbe geblieben, nur reicht er für weniger.

Der Zins, der auf dem Papier steht

Jetzt drehen wir die Sache um. Diesmal liegt das Geld bei einer Bank, die Zinsen zahlt. Sagen wir drei Prozent. Nach einem Jahr stehen 10.300 Euro auf dem Auszug.

Das ist der Nominalzins, er beschreibt, wie viele Euro dazugekommen sind. Ob Du Dir davon mehr kaufen kannst als vorher, beschreibt er nicht. Dafür brauchst Du eine zweite Zahl, und die liefert nicht die Bank, sondern das Statistische Bundesamt. Ziehst Du die Inflationsrate vom Nominalzins ab, bekommst Du den Realzins. Er sagt, um wie viel Deine Kaufkraft gewachsen ist.

Die Faustformel reicht für den Alltag: Realzins gleich Nominalzins minus Inflationsrate. Wer es genau wissen will, teilt: eins plus Zinssatz, geteilt durch eins plus Inflationsrate, minus eins. Bei drei Prozent Zins und 2,3 Prozent Inflation ergibt die Faustformel 0,7 Prozent, die exakte Rechnung 0,68. Der Unterschied ist bei kleinen Zahlen so klein, dass er im Alltag nicht stört. Bei zweistelligen Inflationsraten wird er groß, aber davon sind wir hier weit entfernt.

Eine Zinszahl allein sagt gar nichts. Sie sagt erst etwas, wenn die Inflationsrate danebensteht.

Wann drei Prozent ein Verlust sind

Nimm dieselben drei Prozent und schiebe sie durch verschiedene Jahre. Im Jahr 2023 lag die Inflationsrate bei 5,9 Prozent. Drei Prozent Zinsen bedeuteten damals real ein Minus von rund 2,7 Prozent. Von 10.000 Euro wären nach einem Jahr 10.300 Euro geworden, aber die Kaufkraft wäre auf etwa 9.730 Euro gefallen.

Im Jahr 2025 lag die Inflationsrate bei 2,2 Prozent. Dieselben drei Prozent hätten real ein Plus von knapp 0,8 Prozent ergeben. Kein Reichtum, aber ein Gewinn.

Dieselbe Bank, derselbe Vertrag mit denselben drei Prozent: einmal Verlust, einmal Gewinn. Wer nur auf die Zinszahl schaut, sieht in beiden Jahren dasselbe und liegt in einem von beiden falsch.

Was gerade wirklich gezahlt wird

Die Bundesbank erhebt jeden Monat, welche Zinsen deutsche Banken tatsächlich zahlen. Erfasst wird der volumengewichtete Durchschnitt aller neu abgeschlossenen Verträge, keine Lockangebote aus der Werbung. Für den Mai 2026 sieht das so aus:

Die Inflationsrate lag im Juni 2026 bei 2,3 Prozent. Damit steht das Tagesgeld real bei etwa minus 1,8 Prozent im Jahr. Das Sparbuch liegt kaum besser. Nur das Festgeld kommt in die Nähe, mit einem realen Minus von gut 0,3 Prozent. Es ist kein Absturz. Es ist ein leises, jährliches Abschmelzen, das auf dem Kontoauszug nirgends auftaucht.

1.949 Milliarden Euro

So viel Geld liegt in Deutschland auf täglich fälligen Konten privater Haushalte. Stand Mai 2026, Bundesbank. Verzinst mit durchschnittlich 0,48 Prozent, bei 2,3 Prozent Inflation.

Ein Vorwurf an die Sparer ist das nicht. Ein Teil dieses Geldes muss genau dort liegen, weil die Waschmaschine kaputtgehen kann und die Miete am Ersten fällig ist. Verfügbarkeit ist etwas wert, und sie kostet etwas. Die Frage ist nur, ob die Leute wissen, dass sie diesen Preis zahlen, oder ob sie ihn bezahlen, weil auf dem Auszug nie eine Zahl in Rot erscheint.

Der Fiskus rechnet auch nominal

Es kommt eine Schicht dazu, die selten mitgedacht wird. Die Abgeltungsteuer bemisst sich am gutgeschriebenen Zins, nicht am realen Ertrag. 25 Prozent, dazu der Solidaritätszuschlag, macht rund 26,4 Prozent. Bis 1.000 Euro Kapitalerträge im Jahr greift der Sparerpauschbetrag, darüber wird abgezogen.

Rechne es durch. 100.000 Euro Festgeld zu 1,99 Prozent bringen 1.990 Euro Zinsen. Tausend davon bleiben steuerfrei, auf die restlichen 990 Euro fallen rund 261 Euro Steuer an. Es bleiben 1.729 Euro, also 1,73 Prozent nach Steuern. Bei 2,3 Prozent Inflation wird aus dem realen Minus von 0,3 Prozent eines von rund 0,6 Prozent.

Der Staat besteuert also einen Ertrag, den es real gar nicht gab. Dahinter steckt keine Absicht gegen Sparer, bloß die Logik einer Steuer, die an Zahlungsströmen ansetzt. Wer sich über Realzinsen Gedanken macht, sollte diesen Schritt trotzdem mitrechnen.

Die Inflationszahl ist selbst ein Konstrukt

Jetzt wird es unbequem, und zwar für beide Seiten.

Der Realzins hängt an der Inflationsrate. Und diese Rate ist nicht einfach da. Sie entsteht, indem rund 700 Güterarten beobachtet und gewichtet werden. Wie stark jedes Gut zählt, legt das Wägungsschema fest. Miete wiegt schwer, ein Kinobesuch kaum. Das Schema wird alle paar Jahre überarbeitet, weil sich das Konsumverhalten ändert.

Im Februar 2023 hat Destatis den Verbraucherpreisindex vom Basisjahr 2015 auf 2020 umgestellt und rückwirkend neu gerechnet. Das Ergebnis: Die Inflationsrate für 2022 lag danach bei 6,9 Prozent. Vorher war sie mit 7,9 Prozent veröffentlicht worden. Ein voller Prozentpunkt Unterschied, bei exakt denselben Preisen. Destatis schreibt selbst, diese Revisionsdifferenz sei größer ausgefallen als bei früheren Überarbeitungen.

Der Grund steckt in den Gewichten. Energie wog nach der Umstellung weniger, Heizöl verlor fast zwei Drittel seines Gewichts. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem Energie der Haupttreiber der Teuerung war. Andere Gewichte stiegen, Nahrungsmittel etwa wogen anschließend schwerer. Unterm Strich fiel die Zahl kleiner aus.

Wer daraus eine Fälschung machen will, überzieht. Die Umstellung ist dokumentiert, das Hintergrundpapier steht öffentlich im Netz, und die Richtung des Effekts war nicht frei wählbar, sie ergab sich aus dem Konsum der Jahre um 2020. Es gibt auch keine geheime „wahre“ Inflationsrate, die irgendwo unter Verschluss liegt. Es gibt eine gemessene Rate und daneben Deine eigene, die je nach Miete und Heizung darüber oder darunter liegt.

Was bleibt, ist trotzdem erheblich: Die Zahl, mit der Du Deinen Realzins ausrechnest, ist das Ergebnis von Entscheidungen. Sie ist gebaut. Ein Prozentpunkt Unterschied klingt nach wenig, aber wenn Dein Realzins bei minus 1,8 Prozent liegt, ist ein Prozentpunkt mehr als die Hälfte davon.

Eine Ungenauigkeit bleibt sogar dauerhaft stehen. Die EZB steuert ihre Geldpolitik nach dem europäischen HVPI, und darin fehlen die Kosten selbstgenutzten Wohneigentums. Der deutsche VPI enthält sie. Zwei Indizes, dieselbe Volkswirtschaft, verschiedene Zahlen.

Und dann gibt es noch ein Detail, das Verschwörungstheorien schlecht bekommt: Destatis stellt einen persönlichen Inflationsrechner ins Netz, mit dem jeder seine eigene Rate ermitteln kann. Eine Behörde, die etwas verbergen will, baut so ein Werkzeug nicht.

Was hier nicht steht

Was Du mit Deinem Geld tun sollst, sagt Dir dieser Text bewusst nicht. Er zeigt nur, wie Du die Zahl liest, die auf Deinem Kontoauszug steht.

Ein negativer Realzins hat dabei nichts Naturgesetzliches; er ergibt sich aus zwei Zahlen, die beide schwanken. Steigt der Leitzins schneller als die Preise, dreht das Vorzeichen. Genau das ist zwischen 2023 und 2025 phasenweise passiert.

Und die naheliegende Antwort, Geld einfach woanders hinzuschieben, hat ihren eigenen Preis. Wer den realen Verlust auf dem Sparkonto vermeidet, indem er in Sachwerte geht, tauscht ein sicheres kleines Minus gegen ein unsicheres Ergebnis, das auch nominal negativ ausfallen kann. Verbessert hat sich damit noch nichts, das Risiko hat nur die Form gewechselt. Ob es das für Dich wert ist, kann Dir keine Statistik abnehmen.

Was Du mitnehmen kannst, ist eine Rechenoperation: den Zinssatz notieren, die Inflationsrate abziehen. Erst diese Differenz sagt etwas darüber, ob Dein Geld gearbeitet hat oder nur stillgestanden ist.

Was dagegen spricht

Der stärkste Einwand lautet: Das Sparkonto ist gar nicht zum Vermehren da. Wer drei Monatsgehälter für den Notfall zurücklegt, kauft Verfügbarkeit und nominale Sicherheit. Der reale Verlust ist der Preis dafür, ähnlich einer Versicherungsprämie. Wer diesen Preis kritisiert, kritisiert die Versicherung. Dazu kommt ein zweiter Punkt: Der Verbraucherpreisindex misst einen Durchschnittshaushalt. Wer wenig heizt, kein Auto fährt und in einer alten Mietwohnung sitzt, hat eine niedrigere persönliche Rate und damit einen besseren Realzins als die Statistik ausweist. Und schließlich ist der negative Realzins kein Dauerzustand. Er hängt an zwei Zahlen, und beide bewegen sich.

Wie rechne ich meinen Realzins selbst aus?

Nominalzins minus Inflationsrate. Zwei Prozent Zinsen bei drei Prozent Inflation ergeben rund minus ein Prozent. Wer es genau will, rechnet (1 + Zins) geteilt durch (1 + Inflation), minus 1. Bei kleinen Zahlen weichen beide Ergebnisse nur um Hundertstel voneinander ab.

Ist der Realzins gerade negativ?

Auf Tagesgeld ja. Im Mai 2026 zahlten deutsche Banken im Schnitt 0,48 Prozent auf täglich fällige Einlagen, die Inflationsrate lag im Juni 2026 bei 2,3 Prozent. Das ergibt real etwa minus 1,8 Prozent. Bei Festgeld bis zu einem Jahr waren es 1,99 Prozent nominal, real also gut minus 0,3 Prozent. Beide Zahlen ändern sich laufend, nachrechnen lohnt sich vor jedem Vertragsabschluss.

Stimmt die amtliche Inflationsrate überhaupt?

Sie wird gemessen, nicht geschätzt. Aber sie beruht auf einem Wägungsschema, das festlegt, wie stark jedes Gut zählt. Als Destatis dieses Schema 2023 turnusmäßig überarbeitete, fiel die Rate für 2022 rückwirkend von 7,9 auf 6,9 Prozent. Ein Prozentpunkt Unterschied bei identischen Preisen. Manipulation ist das nicht, aber es zeigt, wie viele Entscheidungen in dieser Zahl stecken.

Quellen

  1. Statistisches Bundesamt (Destatis): Inflationsrate im Juni 2026 bei +2,3 %. Abgerufen 14.07.2026
  2. Statistisches Bundesamt (Destatis): Inflationsrate im Jahr 2025 bei +2,2 %. Abgerufen 14.07.2026
  3. Deutsche Bundesbank: MFI-Zinsstatistik: Zinssätze und Volumina der deutschen Banken, Bestände und Neugeschäft, Stand Mai 2026. Abgerufen 14.07.2026
  4. Statistisches Bundesamt (Destatis): Inflationsrate im Jahr 2022 bei +7,9 % (Ergebnis auf Basis 2015, vor der Revision). Abgerufen 14.07.2026
  5. Statistisches Bundesamt (Destatis): Hintergrundpapier zur Revision des Verbraucherpreisindex, 22. Februar 2023. Abgerufen 14.07.2026
  6. Wirtschaftsdienst, Heft 3/2023 (ZBW): Inflation: Neues Basisjahr und Preisbremsen. Abgerufen 14.07.2026