Der Warenkorb: wie Inflation überhaupt gemessen wird
Im Juni 2026 lag die Inflationsrate bei 2,3 Prozent. Diese Zahl entsteht aus rund 700 Güterarten, Gewichten aus dem Jahr 2020 und einer Miete, die niemand bezahlt. Wie der Verbraucherpreisindex gebaut ist, was er misst und warum er eine andere Frage beantwortet als die, die Du stellst.
Zwei Haushalte, ein Monat. Der eine wohnt in Bochum, fährt 40 Kilometer zur Arbeit und heizt mit Öl. Der andere wohnt in Leipzig zur Miete, hat kein Auto, kocht viel und heizt mit Fernwärme.
Im Juni 2026 lag die Inflationsrate bei 2,3 Prozent. Beide lesen dieselbe Zahl. Für den einen sind in diesem Monat die Kraftstoffe um 11,3 Prozent gestiegen und das leichte Heizöl um 29,4 Prozent. Für den anderen ist der Strom um 5,2 Prozent gefallen, die Butter um 29,1 Prozent, und die Eier sind um 14,6 Prozent teurer geworden.
Die 2,3 Prozent sind nicht falsch. Sie sind nur die Antwort auf eine Frage, die keiner der beiden gestellt hat.
Was in den Korb kommt
Der Verbraucherpreisindex misst die Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte in Deutschland für Konsumzwecke kaufen. Dafür teilt das Statistische Bundesamt den Konsum in rund 700 Güterarten ein, vom Roggenbrot über den Kinobesuch bis zur Garagenmiete. Jede Güterart bekommt ein Gewicht, gemessen in Promille von tausend. Das ist das Wägungsschema.
Ein paar Zahlen daraus, damit Du ein Gefühl für die Größenordnungen bekommst. Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke: 119,04. Verkehr: 138,22. Wohnung, Wasser, Strom, Gas und andere Brennstoffe: 259,25. Bildungswesen: 9,06. Kraftstoffe allein: 30,46.
Bildung wiegt also weniger als ein Prozent, Kraftstoffe wiegen drei Mal so viel. Darin liegt keine Wertung, es beschreibt nur, wie sich die Ausgaben aller Haushalte zusammen verteilen. Wenn Du keine Kinder in der Musikschule hast und jeden Tag 60 Kilometer fährst, stimmt diese Verteilung für Dich nicht. Wenn Du drei Kinder hast und kein Auto, auch nicht.
Und die Gewichte sind alt. Sie stammen aus dem Basisjahr 2020, für die oberen Ebenen aus einem Mittelwert der Jahre 2019 bis 2021, weil 2020 mit seinen Lockdowns kein normales Konsumjahr war. Zwischen den Revisionen bleiben sie fest, und das mit Absicht: Der Index soll die reine Preisentwicklung zeigen, unbeeinflusst davon, dass die Leute ihr Verhalten ändern. Die nächste Revision ist für 2028 angekündigt. Bis dahin wird die Inflation des Jahres 2026 mit einem Einkaufsverhalten von 2020 gewichtet.
Die Miete, die niemand bezahlt
Jetzt kommt die Stelle, an der die meisten Leser das erste Mal stutzen. Im Wägungsschema gibt es zwei Mietpositionen. Die tatsächliche Nettokaltmiete hat ein Gewicht von 68,30 Promille. Das ist das Geld, das Mieter jeden Monat überweisen. Darunter steht eine zweite Position: unterstellte Nettokaltmiete, Gewicht 104,13.
Die unterstellte Miete ist der Betrag, den ein Eigentümer zahlen würde, wenn er seine eigene Wohnung von sich selbst mieten müsste. Er zahlt ihn nicht. Er hat ihn nie gezahlt. Es ist eine Schätzung, abgeleitet aus der Entwicklung der echten Nettokaltmieten. Der Fachbegriff dafür ist Mietäquivalenzansatz.
Diese geschätzte Position ist die größte Einzelposition im deutschen Warenkorb. Sie wiegt mehr als die Miete, die real überwiesen wird. Sie wiegt fast so viel wie alle Nahrungsmittel und alkoholfreien Getränke zusammen.
Warum macht Destatis das? Weil Wohnen Konsum ist, auch im eigenen Haus. Ein Eigentümer verbraucht jeden Monat Wohnleistung, genau wie ein Mieter. Ließe man ihn aus dem Index heraus, würde ein großer Teil der Lebenshaltung in Deutschland statistisch verschwinden. Der Gedanke ist sauber.
Der Effekt ist trotzdem beachtlich. Setzt man 2020 auf 100, dann stand der Gesamtindex im Juni 2026 bei 124,6. Die tatsächliche Nettokaltmiete stand bei 112,4. Die unterstellte Nettokaltmiete bei 110,7. Ein gutes Zehntel des gesamten Index hat sich seit 2020 also nur um rund elf Prozent bewegt, während der Durchschnitt um knapp 25 Prozent gestiegen ist. Nahrungsmittel stehen im selben Zeitraum bei 136,1, Kraftstoffe bei 151,5.
Eine Position, die niemand bezahlt, zieht die Zahl nach unten, die alle lesen.
Manipulation steckt darin nicht, wohl aber eine Annahme mit Folgen. Denn ob die Wohnkosten von Eigentümern wirklich so verlaufen wie die Mieten, ist eine offene Frage, und die Antwort hängt davon ab, wann jemand gekauft hat, zu welchem Zins und wann er anschlussfinanzieren muss.
Interessant wird es, wenn man den europäischen Index danebenlegt. Im Harmonisierten Verbraucherpreisindex, dem HVPI, kommt die unterstellte Miete gar nicht vor. Der HVPI ist der Index, an dem die Europäische Zentralbank ihr Ziel von zwei Prozent misst. Dieselben Rohdaten, dieselbe Behörde, ein anderes Ergebnis: 2,4 Prozent im Juni 2026 gegenüber 2,3 Prozent im nationalen VPI.
Die EZB weiß das. In ihrer Strategieüberprüfung vom Juli 2021 hat der EZB-Rat ausdrücklich eingeräumt, dass der HVPI die für private Haushalte relevante Inflation besser abbilden würde, wenn die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum enthalten wären. Man werde das schrittweise berücksichtigen, es werde aber noch mehrere Jahre dauern. Das war vor fünf Jahren. Umgesetzt ist es bis heute nicht. Haltbar ist damit dieser Satz, und nur dieser: Die Notenbank steuert auf eine Zielgröße, von der sie selbst sagt, dass sie einen wesentlichen Teil der Wohnkosten nicht enthält.
Wenn sich das Produkt ändert
Der zweite Verdacht, der im Netz kursiert, betrifft die Qualitätsbereinigung. Er lautet ungefähr so: Wenn ein Laptop teurer wird, aber schneller, dann behauptet die Statistik, er sei gar nicht teurer geworden. So wird Inflation weggerechnet.
Das Verfahren gibt es wirklich. Es heißt hedonische Qualitätsbereinigung und wird seit 2002 eingesetzt. Über eine Regression wird geschätzt, wie viel einzelne Produktmerkmale zum Preis beitragen, etwa die Festplattengröße bei einem PC. Wird ein Modell durch ein besseres ersetzt, rechnet Destatis den Wert der Verbesserung aus dem Preisanstieg heraus.
Nur ist der Verdacht in der Sache schwach, und Du solltest das wissen, bevor Du Dich darauf stützt. Hedonisch bereinigt werden im Verbraucherpreisindex genau sechs Gütergruppen: Desktop-PCs, Tablets, Notebooks, Smartphones, Drucker und Gebrauchtwagen. Ihr Anteil am Gesamtindex liegt bei rund 1,8 Prozent. Selbst wenn das Verfahren komplett danebenläge, verschöbe es die Inflationsrate um Nachkommastellen. Dazu kommt: Die Richtung stimmt auch nicht immer. Informationsverarbeitungsgeräte, hedonisch bereinigt, wurden im Juni 2026 mit einem Plus von 9,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr ausgewiesen. Das Verfahren verhindert offensichtlich nicht, dass Preisanstiege sichtbar werden.
Und noch ein Punkt, der in der Debatte fast immer fehlt. Wenn die Packung schrumpft und der Preis bleibt, greift die Mengenbereinigung. Destatis rechnet auf die Menge um und weist die versteckte Erhöhung als Preiserhöhung aus. Shrinkflation ist im Index drin.
Es gibt insgesamt neun verschiedene Bereinigungsverfahren, und einige davon beruhen auf handfesten Konventionen. Bei Neuwagen etwa, wenn eine frühere Sonderausstattung zum Standard wird, setzt die Statistik nach internationaler Übereinkunft die Hälfte des früheren Aufpreises als Qualitätsgewinn an. Warum die Hälfte? Weil niemand weiß, ob der Käufer die Ausstattung überhaupt wollte. Die Zahl ist eine Setzung, offen dokumentiert, und sie ist angreifbar. Sie betrifft nur eben nicht die Größenordnung, die den Unterschied zwischen 2,3 und 5 Prozent ausmachen würde.
Wer die amtliche Inflation für zu niedrig hält, findet bei den Gewichten den lohnenderen Streitpunkt als bei der Hedonik.
Der Haushalt, den es nicht gibt
Der Verbraucherpreisindex ist eine Konstruktion. Er beruht auf Gewichten, die vor Jahren erhoben wurden, auf einer geschätzten Miete, die den größten Einzelposten stellt, und auf neun Verfahren, mit denen Produktwechsel behandelt werden. Alles davon ist öffentlich, alles ist bis auf die Promillestelle nachlesbar.
Er ist auch die beste Zahl, die wir haben. Die Bundesbank hat untersucht, ob der über Jahre feste Warenkorb die Inflation systematisch verzerrt, und kommt zu dem Ergebnis, dass die Verzerrung in Deutschland leicht nach oben geht. Die amtliche Rate wäre nach dieser Schätzung eher zu hoch als zu niedrig. Wer das ignoriert und trotzdem von Manipulation spricht, hat die eigene These schon aufgegeben.
Bleibt der Punkt, der wirklich trägt. Der Index beantwortet die Frage: Wie haben sich die Preise für den gesamten privaten Konsum in Deutschland verändert? Du stellst eine andere Frage: Wie viel ärmer bin ich geworden?
Beide Fragen sind gut. Es sind nur nicht dieselben. Und die Antwort auf Deine liefert am Ende nur Dein eigener Kontoauszug.
Was das für Dein Erspartes bedeutet, hängt am Ende an einer zweiten Zahl: dem Zins, den Du bekommst. Die Differenz zwischen beiden ist der Realzins, und sie entscheidet, ob Dein Geld wächst oder schrumpft.
Was dagegen spricht
Der Index ist eine offen dokumentierte Konvention, bis auf die Promillestelle nachprüfbar, und jede Alternative hat schwerere Fehler. Eine Behörde, die Inflation kleinrechnen wollte, würde kaum Eier mit +14,6 Prozent ausweisen oder Nahrungsmittel mit einem Indexstand von 136,1 gegenüber 2020. Die unterstellte Miete bildet ab, dass auch Eigentümer wohnen und dass dieses Wohnen einen Wert hat; ließe man sie weg, fehlte ein erheblicher Teil der Lebenshaltung im Index. Rechnete man stattdessen Kaufpreise von Häusern ein, würden Vermögensbildung und Konsum vermischt. Die Bundesbank kommt zudem zu dem Ergebnis, dass der über Jahre feste Warenkorb die gemessene Inflation eher leicht überschätzt als unterschätzt. Der VPI misst den Durchschnitt sauber. Dass er Deinen Haushalt nur zufällig trifft, liegt in der Natur eines Durchschnitts.
Warum ist meine gefühlte Inflation höher als die amtliche?
Weil der Index die Ausgabenstruktur aller Haushalte zusammen abbildet, nicht Deine. Wer viel pendelt, spürt die Kraftstoffe stärker, als ihr Gewicht von 30,46 Promille es abbildet. Wer selten einkauft und viel bestellt, spürt anderes. Dazu kommt ein Wahrnehmungseffekt: Preise, die Du wöchentlich siehst, prägen sich ein, Preise, die selten anfallen oder fallen, nicht. Destatis stellt selbst einen persönlichen Inflationsrechner bereit, mit dem sich die Gewichte anpassen lassen.
Was ist der Unterschied zwischen VPI und HVPI?
Beide werden aus demselben Datenmaterial berechnet. Der wichtigste Unterschied: Im nationalen VPI wird für selbstgenutztes Wohneigentum eine unterstellte Miete angesetzt, im europäischen HVPI nicht. Der HVPI ist die Messgröße, an der die EZB ihr Ziel von zwei Prozent misst. Im Juni 2026 lag der VPI bei 2,3 Prozent, der HVPI bei 2,4 Prozent.
Rechnet die hedonische Qualitätsbereinigung die Inflation künstlich klein?
Dafür gibt es keinen Beleg, und die Größenordnung spricht dagegen. Hedonisch bereinigt werden im VPI nur Desktop-PCs, Tablets, Notebooks, Smartphones, Drucker und Gebrauchtwagen, zusammen rund 1,8 Prozent des Index. Selbst ein grober Fehler in diesem Verfahren würde die Gesamtrate nur um Nachkommastellen verschieben.
Erfasst der Index Shrinkflation?
Ja. Wenn die Packung kleiner wird und der Preis gleich bleibt, greift die Mengenbereinigung. Destatis rechnet den Preis auf die Menge um, die versteckte Preiserhöhung geht in den Index ein.
Quellen
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Verbraucherpreisindex für Deutschland: Wägungsschema für das Basisjahr 2020. Abgerufen 14.07.2026
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Inflationsrate im Juni 2026 bei +2,3 % (Pressemitteilung Nr. 243). Abgerufen 14.07.2026
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Qualitätsbereinigung in der amtlichen Preisstatistik. Abgerufen 14.07.2026
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Harmonisierter Verbraucherpreisindex (HVPI), methodische Erläuterungen. Abgerufen 14.07.2026
- Europäische Zentralbank: EZB-Rat verabschiedet neue geldpolitische Strategie (Pressemitteilung vom 8. Juli 2021). Abgerufen 14.07.2026