wertdenken Rechner

Gefühlte und gemessene Inflation

Butter und Sprit kaufst Du ständig, den Fernseher alle zehn Jahre. Was Du oft zahlst, prägt Dein Inflationsgefühl stärker, als es sein Anteil an Deinem Budget hergibt. Der amtliche Index rechnet anders. Warum beide Zahlen stimmen und was das für Deinen Haushalt heißt.

Lesezeit 5 Min. Zuletzt geprüft 15.07.2026
100 € 80 €
Der harmonisierte Verbraucherpreisindex für Deutschland stieg im Jahresdurchschnitt: 2021 um 3,2 Prozent, 2022 um 8,7 Prozent, 2023 um 6,0 Prozent, 2024 um 2,5 Prozent, 2025 um 2,3 Prozent (Destatis). Zusammengerechnet liegt das Preisniveau 2025 rund 25 Prozent über dem von 2020. Wer 2020 hundert Euro zur Seite legte, kauft dafür 2025 noch für etwa 80 Euro. Der größte Sprung steckt in den Jahren 2022 und 2023. Er verschwindet nicht, wenn die Rate wieder auf zwei Prozent fällt. Genau das ist ein Grund, warum sich die Teuerung länger hoch anfühlt als die aktuelle Zahl.

Du kaufst Butter jede Woche. Du tankst zweimal im Monat. Die Miete geht am Ersten ab, jeden Monat, seit Jahren derselbe oder ein etwas höherer Betrag. Den Fernseher im Wohnzimmer hast Du 2015 gekauft. Seitdem nicht wieder.

Diese Preise fühlen sich völlig unterschiedlich an. Der Butterpreis steht Dir vor Augen, weil Du ihn ständig siehst. Was ein Fernseher heute kostet, weißt Du nicht genau, weil es Dich seit zehn Jahren nicht interessieren musste.

Genau hier trennen sich zwei Zahlen, die dasselbe messen sollen: die Inflation, die das Statistische Bundesamt ausrechnet, und die Inflation, die Du im Kopf hast. Sie weichen fast immer voneinander ab. Und die gefühlte liegt fast immer höher.

Wie gemessen wird

Das Statistische Bundesamt legt einen Warenkorb an. Rund 700 Güterarten, von Honig bis zur Polstergarnitur. Jede Güterart bekommt ein Gewicht, das sich danach richtet, welchen Anteil sie an den Ausgaben der Haushalte hat. Dieses Wägungsschema stammt aus einer großen Befragung, der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, und wird nur etwa alle fünf Jahre neu gesetzt.

Das Wort, auf das es ankommt, ist Ausgabenanteil. Der Index fragt nicht, wie oft Du etwas kaufst, sondern wie viel Geld Du dafür ausgibst.

Der Fernseher geht deshalb fast unter. Über die Jahre gerechnet macht er nur einen winzigen Teil Deines Budgets aus, obwohl Du ihn im Laden ständig teurer siehst. Miete, Lebensmittel und Auto dagegen fressen viel, also wiegen sie schwer.

Noch etwas kommt hinzu. Bei langlebigen Geräten rechnet die Statistik die Qualität mit ein. Ein Fernseher von 2025 kann erheblich mehr als einer von 2015. Kostet er gleich viel, zählt das im Index als Preissenkung, weil Du fürs selbe Geld mehr bekommst. In der Wahrnehmung passiert das Gegenteil, dort merkst Du Dir die Zahl auf dem Schild.

Wie wahrgenommen wird

Im Kopf läuft eine andere Rechnung. Dort zählt, was Du oft in der Hand hast. Den Kaffeepreis und den Bon an der Supermarktkasse siehst Du dutzende Male im Monat, den Preis an der Zapfsäule bei jedem Tanken. Diese Beträge prägen Dein Gefühl für „die Preise“ stärker, als ihr Anteil an Deinem Kontostand es hergibt.

Damit bist Du in guter Gesellschaft, denn die Europäische Zentralbank misst denselben Effekt. In ihrer Verbraucherumfrage, dem Consumer Expectations Survey, fragt sie seit 2022 gezielt nach einzelnen Warengruppen. Das Ergebnis: Lebensmittel schlagen überproportional auf die Wahrnehmung durch, weil Haushalte sie häufig kaufen, viel Geld dafür ausgeben und schlecht darauf verzichten können.

Der Index gewichtet nach Ausgaben, die Wahrnehmung nach dem, was Du am häufigsten zahlst.

Konkret sah das zuletzt so aus. Im Mai 2026 schätzten die Befragten der EZB-Umfrage die Teuerung im Euroraum auf rund 4 Prozent. Gemessen lag sie bei 3,2 Prozent. In Deutschland waren es im Juni 2,4 Prozent. Die gefühlte Rate über der gemessenen ist kein Ausrutscher dieses Sommers, sie ist über viele Länder und Jahre hinweg der Normalfall.

Warum die Lücke entsteht

Drei Dinge kommen zusammen.

Erstens die Aufmerksamkeit. Ein Preis, der steigt, fällt Dir stärker auf als einer, der fällt. Die EZB nennt das einen Aufwärts-Bias in der Wahrnehmung. Butter wird teurer, Du merkst es sofort. Der Fernseher wird über Jahre billiger, Du bemerkst es nie.

Zweitens laufen die häufig gekauften Grundgüter zeitweise heißer als der Durchschnitt. Lebensmittel sind im Euroraum seit Mitte 2022 stärker gestiegen als die Gesamtrate. Wer viel Geld an der Ladenkasse lässt, spürt mehr, als die Schlagzeile sagt.

Drittens hängt der alte Schub nach. Die Preise sind 2022 und 2023 kräftig gesprungen. Dieser Sprung verschwindet nicht, wenn die Rate wieder auf zwei Prozent fällt. Er bleibt im Preisniveau stehen. Das Brot ist teuer geblieben, auch wenn es kaum noch teurer wird. Wie groß dieser Nachhall ist, zeigt die Rechnung oben im Kasten.

Das ist nichts Neues. Nach der Euro-Bargeldumstellung 2002 klaffte dieselbe Lücke. Viele Menschen waren überzeugt, alles sei teurer geworden, während die gemessene Rate niedrig blieb. Der Volksmund taufte die neue Währung „Teuro“. Die EZB beschrieb das Muster schon damals mit demselben Grund: Was man oft kauft, prägt das Urteil.

Was die Lücke nicht heißt

Jetzt der wichtige Teil: Die Lücke ist kein Beweis, dass die amtliche Zahl geschönt ist. Der Index misst die Preisentwicklung korrekt. Er gewichtet nach dem Geld, das tatsächlich ausgegeben wird. Was am lautesten auffällt, spielt dabei keine Rolle.

Man kann es auch umdrehen, dann ist das Gefühl der ungenauere Messwert. Es überschätzt die Teuerung, weil es Anstiege betont und Rückgänge übersieht. Wer der gefühlten Rate mehr glaubt als der gemessenen, unterschätzt am Ende die eigene Kaufkraft. Die EZB weist darauf hin, dass die realen Löhne im Schnitt wieder über dem Stand von vor der Inflationswelle liegen, auch wenn sich das für viele nicht so anfühlt.

Beide Zahlen stimmen, sie beantworten verschiedene Fragen. Die gemessene sagt, wie sich der Durchschnittskorb aller Haushalte entwickelt hat. Die gefühlte sagt, wie stark Dich die Preise beschäftigen, die Du am häufigsten zahlst.

Was Du damit anfängst

Für Deinen Haushalt zählt Dein eigener Korb. Wer ein Auto mit langem Arbeitsweg fährt und eine große Wohnung heizt, hat andere Ausgabenanteile als jemand, der zur Miete in der Stadt wohnt und Bahn fährt. Deine persönliche Teuerung kann deutlich über oder unter der amtlichen liegen.

Das Statistische Bundesamt stellt dafür einen Rechner online, in den Du Deine eigenen Anteile einträgst. Das Ergebnis ist oft näher an Deinem Gefühl als die Schlagzeile, und es zeigt Dir, welche Posten Dich wirklich treffen.

Die gemessene Rate ignorieren solltest Du trotzdem nicht. Sie ist der ehrlichere Maßstab für das große Ganze, von Tarifverträgen über Renten bis zur Geldpolitik. Dein Gefühl ist der ehrlichere Maßstab für Deinen Alltag. Du brauchst beide.

Was dagegen spricht

Ökonomen halten dagegen: Der amtliche Index misst die Preisentwicklung korrekt, gewichtet nach dem, was Haushalte tatsächlich ausgeben; von einer geschönten Zahl kann keine Rede sein. Das Gefühl ist der ungenauere der beiden Messwerte. Es überschätzt die Teuerung systematisch, weil Anstiege stärker auffallen als Rückgänge und selten gekaufte Güter mit fallenden Preisen im Kopf untergehen. Wer der gefühlten Rate mehr glaubt als der gemessenen, unterschätzt am Ende die eigene Kaufkraft.

Ist die offizielle Inflationsrate geschönt?

Nein. Der Index misst die Preisentwicklung nach den tatsächlichen Ausgaben der Haushalte. Er weicht vom Gefühl ab, weil das Gefühl Preiserhöhungen betont und selten gekaufte Güter mit fallenden Preisen übersieht. Beide Zahlen beantworten verschiedene Fragen.

Warum fühlt sich meine Inflation höher an als die Zahl?

Weil häufig gezahlte Preise wie Lebensmittel und Sprit im Kopf stärker wiegen als im Warenkorb. Dort zählt der Ausgabenanteil. Im Gefühl zählt, wie oft Du einen Preis siehst.

Was ist der Warenkorb?

Rund 700 Güterarten, mit denen das Statistische Bundesamt die Preisentwicklung misst. Jede Güterart wird nach ihrem Anteil an den Haushaltsausgaben gewichtet, ermittelt über die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe.

Kann ich meine persönliche Inflationsrate berechnen?

Ja. Das Statistische Bundesamt bietet einen Inflationsrechner, in den Du Deine eigenen Ausgabenanteile einträgst. Das Ergebnis liegt oft näher an Deinem Gefühl als die amtliche Durchschnittsrate.

Quellen

  1. Statistisches Bundesamt (Destatis): Verbraucherpreisindex (VPI): Methoden und Erläuterungen. Abgerufen 15.07.2026
  2. Europäische Zentralbank (EZB): Inside the food basket: what is behind recent food inflation? (Economic Bulletin, Issue 8/2025). Abgerufen 15.07.2026
  3. Europäische Zentralbank (EZB): Consumer Expectations Survey results – May 2026. Abgerufen 15.07.2026
  4. Europäische Zentralbank (EZB): Introductory statement in three charts (ECON-Anhörung, 26.02.2026). Abgerufen 15.07.2026
  5. Deutsche Bundesbank: Harmonisierter Verbraucherpreisindex (Deutschland), Ergebnisse Juni 2026. Abgerufen 15.07.2026
  6. Statistisches Bundesamt (Destatis): Inflationsrate 2021: +3,1 % gegenüber dem Vorjahr (HVPI +3,2 %). Abgerufen 15.07.2026
  7. Statistisches Bundesamt (Destatis): Inflationsrate im Jahr 2022 bei +7,9 % (HVPI +8,7 %). Abgerufen 15.07.2026
  8. Statistisches Bundesamt (Destatis): Inflationsrate im Jahr 2023 bei +5,9 % (HVPI +6,0 %). Abgerufen 15.07.2026
  9. Statistisches Bundesamt (Destatis): Inflationsrate im Jahr 2024 bei +2,2 % (HVPI +2,5 %). Abgerufen 15.07.2026
  10. Statistisches Bundesamt (Destatis): Inflationsrate im Jahr 2025 bei +2,2 % (HVPI +2,3 %). Abgerufen 15.07.2026